Edgar Wallaces "Das Phantom von London" (1964)
Jaja, Soho: eine ganz besonders schöne Ecke von London. Kneipen, leichte Mädchen und Phantome… Phantome? Naja, zumindest in [quäkige Lautsprecherstimme] Bryan Edgar Wallaces Das Phantom von Soho (1964)
Regie führte bei diesem E.W.-Komkurrenzfilm der CCC-Studios der omnipräsente Franz Josef Gottlieb, der erst heuer im Juli an einem Gehirntumor verstarb. Gottlieb kenne ich sonst eher im Zusammenhang von Tantentunten und Rudi Carell (vgl. nächster Film), offenbar hat der Mann aber auch Anderes gemacht, und zwar zweifelsohne gar nicht so schlecht.
“Das Phantom von London” präsentiert sich in bestem Euro-Scope-Format (”Ultrascope”, so verrät mir die IMDb), Wallace-Krimi-typischem Schwarzweiss, unterbrochen vom farbigen Vorspann, der entsprechend flashig wirkt. Fein, fein!
Die Handlung: ein mysteriöses Phantom mit Disco-Handschuhen killt Londoner in der Nähe einer Sohoer “Bar” - doch nicht zufällig: die Opfer scheinen alle Überlebende eines Schiffsuntergangs zu sein. Allerlei zwielichtige Gestalten sind involviert (u.a. eine berollstuhlte Puffmutter und ein Muttermalträger mit leichtem Österreich-Akzent) - können der brave Kommissar und die neugierige Krimiautorin den Fall lösen? Ich konnte es, denn ich habe die Identität des Phantoms richtig erraten.
Und ich habe bereits angedeutet, dass danach gleich noch ein F.-J.-Gottlieb-Film folgte. Mit Rudi Carell. Oje. Rudi, ein heiterer Erfinder, hat aus Schuhschachteln einen Pygmäen-Roboter gebaut, dessen einzige Funktion darin besteht, hässlich zu sein und Leuten in den Arsch zu treten. Der Versuch, den Roboter zu verkaufen, den verlorenen Lottoschein zurückzubekommen und die vertauschten Koffer zu enttauschen (kein Scherz!) endet auf dem komödientypischen Kämpingplatz. Rudi, benimm dich! Es darf auch gelacht werden.
Was mich an dem Film am meisten fasziniert, ist das als Roboter deklarierte Schachtelteufelchen, das sich geschickt komplett ineinander auffalten lassen kann. Wenn Rudi schlau wäre, würde er nicht den Roboter (der ja ein notorischer Treter ist) verkaufen, sondern die Raumfaltungs-Technologie, die die Roboter-Innereien bei Bedarf verschwinden lässt.
Ansonsten findet sich die übliche Nebenbesetzung: Gunter Philipp, Hansi Nietnagel Kraus, ein lästiges Kind, ein paar leichtbekleidete Seventies-Görls, sowie Schlagerfuzzi Chris Roberts (geb. Christian Klusacek), der sich am besten mit einem Zitat aus der deutschen Wikipedia beschreiben lässt: “Seine mit Anglizismen angereicherten, eher schlichten Schlager und seine sonnige Ausstrahlung trafen den Zeitgeist.”
Und entsprechend lassen Carell, Roberts und das schlechtsynchronisierte Kind es sich nicht nehmen, ein paar fröhliche Schlager wie “Ich bin verliebt in die Liebe” (???) oder .. oder … (wie hiess noch mal dieses Lied mit “Happy” im Titel?) zu trällern, zum Leidwesen der Zuseher. Ich verweise auf Kollegen Michael, der bitte eine Liste cooler Musik erstellen soll, die 1971 ausserhalb von Ö/DE zu hören war.
Tendentiell ist Carell mit seiner relaxten Art noch der Coolste im Film - ich schiebe das auf die etwas lockereren Drogengesetze in Holland. Der ganze Film weist übrigens eine einzige wirklich coole Aufnahme auf: Carell, groß im Vordergrund, auf Rollschuhen, mit angedeuteter Eiskunstläufer-Armschwingbewegung, verfolgt von Gunther Philipp auf einem Miniaturmoped. Es darf auch gelacht werden.
Und noch einmal Edgar Wallace - diesmal der echte Wallace, dafür aber mit einem Kniff: anstelle des deutschen Originaltons englische Synchronfassung. Das klingt irgendwie … verkehrt. Pervers. Die Bande des Schreckens bzw. “The Terrible People” bzw. “Hand of the Gallows”.
Der Vollständigkeit halber die Handlung: der böse Shelton wird aufgeknüpft und schwört aus dem Grab heraus Rache. Genau das passiert auch, und so wird der angeblich Tote mehrfach gesehen, und zwar immer am Schauplatz eines Mordes - an seinen Henkern! Kommissar Long (Joachim “Blacky” Fuchsberger), ebenfalls auf der Liste der Mordkandidaten, ermittelt.
Es ist äußerst faszinierend, den Blacky oder den Eddie Arent englisch quasseln zu hören. Zumal man zugeben muss: die Synchronisation ist wirklich gut gemacht, das altmodische, manchmal etwas verzwurbelte Englisch passt extremst gut in die Atmosphäre. Die Sprecher sind wirklich gut, nur ab und zu blickt ein Hauch von Akzent durch. Lediglich die Performanche von Eddie Arent scheint ein winziges Bisselchen zu leiden.
Peter Hengl - www.peterhengl.com

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